“Durch kleine zufällig entstandene Löcher in Paläolithischen Schutzzelten entstand zuweilen willkürlich eine Camera Obscura, die bewegliche Bilder in das innere der Wohnstätten projezierte und damit tiefgreifende spirituelle, philosphische und ästhetische Fortschritte auslöste.”

Die Spezies Mensch ist anatomisch nicht an die verschiedenen Lebensräume angepasst in denen sie sich aufhält. Wir überlebten nur aufgrund einer Mikroklimastrategie – Kleidung und Schutz gegen Wettereinflüsse. Durch diese Errichtung von Schutzunterkünften entstanden im Laufe der Jahrhunderte zufällig Camera Obscuras, nachgewiesen durch schriftliche Aufzeichnungen, die bis in das 5. Jhd. v. Chr zurückgehen. Die Strategie des Mikroklimas geht jedoch bis weit in die Prähistorische Zeit zurück. Archäologische Aufzeichnungen geben an, dass es die Menschen in der Altsteinzeit bevorzugten ihre Schutzzelte in Höhleneingängen, Felsüberhängen, aber auch im Freien zu errichten. Unsere Feldrekonstruktionen weisen nach, dass das entstehen von Camera Obscuras unvermeidlich war, sofern auf lichtundurchlässige aber gleichzeitig durchlöcherbare Materialien an den Schauplätzen zurückgegriffen wurde.

Eine Camera Obscura oder Lochkamera ist ein dämmeriger Raum (jeglicher Grösse) mit einem Loch (oder mehreren Löchern), die einen Lichteintritt zulassen und dadurch ein umgekehrtes Abbild der Aussenwelt auf eine innenliegende Fläche projezieren. Eine der einfachsten optischen Prinzipien.

Dieses sich bewegende Abbild in einer begehbaren Camera Obscura zu sehen, ähnelt sehr einer Filmvorführung. Das Abbild behält seine Form, seinen Wert und seine Bewegungen – genau wie in der Realität - nur stattdessen flach. Das abgebildete Pferd an der Wand bleibt ein Pferd, es ist erkennbar und doch ist es kein echtes, atmendes Tier. Die Person im inneren einer Zelt-Camera Obscura kann das lebende Tier ausserhalb der Camera nicht sehen und doch sieht sie das Abbild im inneren. In diesem Moment der Wahrnehmung ist das Tier unabhängig von einem tatsächlichen Objekt – es ist eine Darstellung. Der Samenkorn im menschlichen Gehirn ist gepflanzt und es eröffnet sich eine Fülle von Möglichkeiten.

Vergleich zu den Ursprüngen anderer Kunsttheorien

Der Ursprung der Kunsttheorien kann in drei Kategorien unterteilt werden: Interpretierte Absichten, Mentale Fähigkeiten und Erkennung.

1) Deutung und Interpretation

A) Hunting Magic (Reinach, 1903; Breuil 1952)
B) Coping with Fear (Worringer, 1906; Shlain, 2003)
C) Totemism (Frazer, 1910)
D) Sanctuary (Bégouën, 1929)
E) Sexual Dichotomy (Leroi-Gourhan and Laming- Emperaire, 1958)
F) Time Systems (Marshack, 1972)
G) Body Covering (Bahn, 1998)

2) Mentale Fähigkeiten

A) Eidetic Imagery (Galton, 1883)
B) Art-for-Art’s Sake (Lubbock, 1904)
C) Art-for-Life's Sake (Dissanayake, 2000)
D) Neural Mutation (Klein, 2002)
E) Visions (Brown, 1928, derived from Wundt; Hodgson, 2006)
F) Trance Flashback (Lewis-Williams, 2002)
G) Dreams (Coolidge and Wynn, 2005)

3) Erkennung

A) Macaroni (Luquet, 1910)
B) Shadows (derived from Pliny the Elder, 77)
C) Bear Claws (Maringer and Bandi, 1951)
D) Worked Stones (Benekendorff, 1991)
E) Fossils (Feliks, 1998)

Jede dieser Theorien ist bis zu einem gewissen Grad plausibel und jede hat einen Kern der Wahrheit. Bedauerlicherweise widersprechen sich diese Theorien teilweise und jede für sich beansprucht, die einzige allgemeingültige Erklärung für die Anfänge der Kunst zu liefern. Wir möchten die Möglichkeit vorstellen, dass diese Theorien nicht miteinander konkurrieren, sondern eher ineinandergreifen und aufeinander aufbauen, wie einzelne Puzzleteile die ein neues Bild schaffen. Forscher aus verschiedenen Fachgebieten (Anthropologie, Biologie, Kunst, Kunstgeschichte, Psychologie, Soziologie, Achäologie, Theologie, Philosphie und Ethnologie) die alle innerhalb ihrer Fachbereiche eine Wahrheit finden. Wenn wir all diese Wahrheiten miteinander verknüpfen, erhalten wir ein deutlicheres Verständnis davon wie Kunst entstand.

Das Überzeugende an den auf Deutung und Interpretation basierenden Theorien ist, dass Notwendigkeit die Mutter der Erfindungen ist. Kunst hat einen Auftrag – etwas mitzuteilen, auch wenn der Mitteilende gar nicht anwesend ist – was überaus hilfreich ist, um eine Vielzahl von Mitteln einzusetzen. Im Laufe der Zeit kamen vermutlich alle der Interpretationstheorien mal zur Anwendung.

Das Überzeugende an den Theorien über die mentalen Fähigkeiten ist, dass sie aufzeigen, wie sich der Mensch biologisch entwickelte und wie er kulturell geprägt wurde, durch seine Fähigkeit auf viele verschiedene Arten zu kommunizieren.

Das Überzeugende an den Erkennungen ist, dass sie sehr leicht verständlich sind und auf das tägliche Leben und Umfeld der Menschen in der Altsteinzeit basieren. Diese Theorien versuchen mögliche Erfahrungen darzustellen, die helfen den Grundgedanken zu erfassen.  

Eine Möglichkeit das Problem von den Anfängen der Kunst anzugehen, ist, dass die Kunst an verschiedenen Orten, zu verschiedenen Zeiten von verschiedenen Menschen gefunden wurde – Fertigkeiten die erworben, aber wieder verloren wurden und die im Laufe von Jahrhunderten und an verschiedenen Orten wieder neu erworben wurden.  In jedem beliebigem Beispiel aufzeigend, dass der Kunstgedanke nicht aus einem bestimmten Bedürfniss, einer Fähigkeit oder Erfahrung alleine, sondern von einer Kombination aus diesen dreien hergeleitet werden kann – der Alchemie der Anfänge.

Das Verstehen, wie diese Theorien zusammengreifen gibt uns ein klareres Bild über die Anfänge der Kunst. Die Paleo-Camera Theorie fügt ein Teil in das grosse Puzzle und wirkt gemeinsam mit den bereits existierenden Theorien. Die Paleo-Camera Theorie ist eine Erkennungstheorie, welche ein sichtbares und anthropologisch realisierbares Erlebnis anbietet, welches die Idee der zweidimensionalen Darstellung ausgelöst haben könnte.